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- Suche nach Vermissten -
Durchforstung der Sterberegister in den Kommunen

  

Eichstätt, 27.01.1999

    Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

    ich wende mich höflichst mit meinem Anliegen an Sie, da ich glaube, dass mein Anliegen bundesweit relevant sein könnte und/oder sollte.
    Es geht um Folgendes:
    Ich habe vor einigen Jahren die "traurige" Geschichte eines polnischen Zwangsarbeiters recherchiert. Er wurde während des Zweiten Weltkrieges in unserem Dorf öffentlich von den Nazis erhängt (siehe Info-Seite).

    Ich habe im Sterberegister unserer Gemeinde Affing seine Geburtsdaten finden können und versucht, seine evtl. noch lebenden Angehörigen ausfindig zu machen. Nach ein paar Briefwechseln mit den Gemeindeverwaltungen in Polen konnte ich noch zwei lebende Schwestern in Lobez bei Stettin ausfindig machen. Für sie galt ihr Bruder als vermisst. Sie sagten, sie hätten zwar beim Roten Kreuz eine Suchanfrage gestartet, aber ohne Erfolg.

    In dem Sterberegister unserer Gemeinde sind noch weitere ausländische Menschen, Zwangsarbeiter u.a. vermerkt, die bei uns während des Zweiten Weltkrieges begraben bzw. "verscharrt" worden sind. Diese Tatsache trifft sehr wahrscheinlich auf alle Gemeinden und Städte in ganz Deutschland zu. Ich bin mir ziemlich sicher, dass darunter auch viele Menschen sind, die in ihren Herkunftsländern immer noch als vermisst gelten.

    (Es könnte natürlich auch sein, dass "mein" Fall in Aulzhausen nur ein "Zufallstreffer" war und alle Angehörigen der in Deutschland Verstorbenen Ausländer längst unterrichtet wurden. - Dann könnte man sich diese Aktion wohl ersparen!? Im anderen Falle würde sich eine bundesweite Recherche, Erfassung und Unterrichtung der Angehörigen lohnen!)

    Ich möchte Sie daher bitten, die deutschen Gemeinde- und Stadtverwaltungen, Wirtschaftsbetriebe usw. zu bitten oder aufzufordern, die ausländischen Bürger, die in der Zeit des 2. Weltkrieg in deren Sterberegistern vermerkt sind (elektronisch) zu erfassen, um so den noch lebenden Angehörigen, die "Chance der Gewissheit" zu geben.

    Das Deutsche Rote Kreuz ist mit Suchanfragen völlig ausgelastet und daher wäre es gut, wenn diese Datenerfassung und die Kontaktaufnahme bzw. Verständigung von Angehörigen die Kommunen selbst, Zivildienstleistende, deutsch-ausländische Jugendgruppen bzw. Jugendinitiativen, Vertriebenenverbände, Bund Deutscher Kriegsgräber, Friedensinitiativen (z.B. Pax Christi usw.), Schulklassen, etc. erledigen würden. Ich denke, hier haben Sie wahrscheinlich bessere Ideen und Möglichkeiten, was die Durchführung und Organisation betrifft.

    Ich sehe bei dieser Initiative folgende Vorteile:

    • Angehörige von Nazi-Opfern erhalten Gewissheit über den Verbleib und evtl. der Grabstelle des/der Verstorbenen. (Es war für die zwei Schwestern "unseres" Toten ein wichtiger Augenblick, am Grab ihres Bruders stehen zu können!)
    • Es besteht die Möglichkeit der Versöhnung und Völkerverständigung.
    • Es ist ein Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung und -Aufarbeitung besonders auch für junge Menschen, wenn sie sich an der Aktion beteiligen.
    • Es ist eine Art lebensnaher, erlebnisorientierter Geschichtsunterricht.
    • Es ist ein Akt der Menschlichkeit.
    • Es ist Friedensarbeit.
    • Neue Partner- und Freundschaften könnten entstehen.
    • Anfragen könnten "gebündelt" an die jeweiligen ausländischen Kommunen des Geburtsortes des Opfers gestellt werden.
    • Datenbankabfragen wären u.a. auch durch AusländerInnen möglich (auch über das Internet realisierbar).


    Ich würde mich freuen, wenn es zu einer solchen "Aktion" mit Ihrer Hilfe kommen könnte!
     
     

    Viele herzliche Grüße

    Johannes Grabler

     

    Nachtrag/Idee:
    Zum Thema "Gedenkstätte für die Opfer der Nationalsozialisten in Berlin":
    Ich würde jedem "Opfer-Land", einen bestimmten Platz (? m²) zur eigenen Gestaltung überlassen und so ein multinationales "Opferdenkmal" errichten. Ich glaube, dadurch könnte sich jeder Besucher in seinem Leid / seiner Betroffenheit zu Hause fühlen. Es nicht nur ein "Deutsches Denkmal".

     

 


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    Antwortschreiben vom 15. Februar 1999 vom
    Bundespräsidialamt
    11010 Berlin
     

    Sehr geehrter Herr Grabler,

    der Herr Bundespräsident hat mich beauftragt, für ihren Brief vom 27. Januar 1999 zu danken und zu antworten. Bei der Vielzahl von Zuschriften, die ihn täglich erreichen, vermag er dies zu seinem Bedauern nicht selbst zu tun.

    Leider ist es dem Herrn Bundespräsidenten aus Gründen seines Amtes nicht möglich, Sie in der gewünschten Form zu unterstützen.

    In seinem Auftrag habe ich Ihr Schreiben jedoch dem Bundesministerium des Inneren, Postfach 170290, 53108 Bonn, mit der Bitte zugeleitet, sich Ihres Anliegens anzunehmen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Im Auftrag
     

 


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    An den
    Bundespräsidenten
    Johannes Rau
    10557 Berlin

    Aulzhausen, 27.06.2000

    Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

    ich wende mich höflichst mit diesem Anliegen an Sie, da ich glaube, dass mein Anliegen bundesweit relevant sein könnte und/oder sollte.

    Es betrifft Folgendes:

    Ich habe vor einigen Jahren die "traurige" Geschichte eines polnischen Zwangsarbeiters recherchiert. Er wurde während des Zweiten Weltkrieges in unserem Dorf von den Nazis öffentlich erhängt (siehe http://www.altmuehlnet.de/~grabler/polen).

    Ich habe im Sterberegister unserer Gemeinde Affing seine Geburtsdaten finden können und versucht, noch lebende Angehörige ausfindig zu machen. Nach ein paar Briefwechseln mit den Gemeindeverwaltungen in Polen konnte ich noch zwei lebende Schwestern in Lobez bei Stettin ausfindig machen. Für sie galt ihr Bruder als vermisst. Sie sagten, sie hätten zwar beim Roten Kreuz eine Suchanfrage gestartet, aber ohne Erfolg.

    Im Sterberegister unserer Gemeinde sind noch einige weitere ausländische Menschen, vor allem Zwangsarbeiter vermerkt, die bei uns während des Zweiten Weltkrieges starben und begraben bzw. "verscharrt" worden sind. Diese Tatsache trifft sehr wahrscheinlich auf viele Gemeinden und Städte in ganz Deutschland zu. Ich bin mir ziemlich sicher, dass darunter auch viele Menschen sind, die in ihren Herkunftsländern immer noch als vermisst gelten.

    Es könnte natürlich auch sein, dass "unser" Zwangsarbeiter in Aulzhausen nur ein "Zufallstreffer" war und alle Angehörigen, der in Deutschland verstorbenen Ausländer, längst unterrichtet wurden. - Dann könnte man sich diese Aktion wohl ersparen!? Im anderen Falle würde sich eine bundesweite Recherche, Erfassung und Unterrichtung der Angehörigen lohnen! Zumindest könnte man eine Art Suchliste im Internet bereitstellen. Der internationale Suchdienst ist hier völlig überlastet. Eine Anfrage dort nach "unserem" Zwangsarbeiter erbrachte mir nach über fünf Jahren einen negativen Bescheid.

    Ich möchte Sie daher bitten, die deutschen Gemeinde- und Stadtverwaltungen zu bitten oder aufzufordern, die ausländischen BürgerInnen, die in der Zeit des 2. Weltkriegs in deren Sterberegistern vermerkt sind (elektronisch) zu erfassen, um so den noch lebenden Angehörigen, die "Chance der Gewissheit" zu geben. Die Kommunen sollten hier unbedingt die Zusammenarbeit mit Friedensinitiativen, Soldaten und Kriegervereinen, deutsch-ausländischen Jugendgruppen bzw. Jugendinitiativen, Vertriebenenverbänden, Bund Deutscher Kriegsgräber, Friedensinitiativen und ganz besonders mit den örtlichen Schulen/Schulklassen/Schülern suchen, um die "Registrierung der Sterbefälle" weitestgehend kosten- und personal-neutral durchführen zu können und um ein handlungsorientiertes Geschichts-Bewusstsein zu fördern. Geschichte könnte hier (ganz besonders für SchülerInnen) erlebbar und lebendig werden.

    Ich sehe in dieser Initiative folgende Chancen:

    • Angehörige von Nazi-Opfern (auch wenn es vielleicht nur noch Angehörige der nachfolgenden Generation gibt) erhalten Gewissheit über den Verbleib und evtl. über die Grabstelle des/der Verstorbenen. (Es war für die zwei Schwestern "unseres" Toten ein wichtiger Moment, am Grab ihres Bruders stehen zu können!)
    • Es besteht die Möglichkeit der Versöhnung und Völker-Verständigung.
    • Sie ist Friedens-Arbeit. Neue Partner- und Freundschaften könnten entstehen.
    • Sie ist ein Beitrag zur Vergangenheits-Bewältigung und -Aufarbeitung besonders auch für junge Menschen, wenn sie sich an der Aktion beteiligen.
    • Sie bietet einen realitätsnahen, handlungsorientierten, sinnvollen und motivierenden Geschichts-Unterricht.
      (Wenn man die Sterberegister durchblättert, hält man die Geschichte in Händen!)
    • Sie ist ein Akt der Menschlichkeit.
    • Such-Abfragen sind u.a. auch durch die Angehörigen selbst möglich (z.B. über das Internet).

    Ich würde mich freuen, wenn es zu einer solchen "Registrierung von Sterbefällen" mit Ihrer Hilfe kommen könnte!

    Viele herzliche Grüße

 


 

Antwortschreiben vom 12. Juli 2000

    Sehr geehrter Herr Grabler,

    Bundespräsident Johannes Rau hat mich gebeten, Ihnen für Ihren Brief vom 27. Juni 2000 zu danken.
    In der Sache erinnere ich an das Schreiben an Sie vom 15. Februar 1999. Ihr Vorschlag ist bereits damals zuständigkeitshalber dem Bundesministerium des Inneren zugeleitet worden.

    Mit freundlichen Grüßen

    Im Auftrag 

 

 


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    Antwortschreiben vom 8. Juli 1999 vom
    Bundesministerium des Inneren
    Postfach 170290
    53108 Bonn
     

    Betr.: Suchdienstaufgaben hier: Registrierung von Sterbefällen

    Sehr geehrter Herr Grabler,

    Ihr an den Herrn Bundespräsidenten gerichtetes Schreiben vom 27. Januar 1999 wurde mir zur weiteren Bearbeitung zugeleitet. Zur Prüfung der Angelegenheit habe ich den Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen eingeschaltet. Nachdem mir dessen Stellungnahme nunmehr vorliegt, kann ich Ihnen folgende Auskunft erteilen:

    Die alliierten Militärbehörden hatten bereits mit Befehl Nr. 1792 vom 6. Dezember 1945 alle deutschen Orts- und Bezirksbehörden aufgefordert, die registrierten Sterbefälle der Zivil- und Militärangehörigen der Vereinten Nationen zu melden. Diese Verzeichnisse sind zum großen Teil seinerzeit dem Internationalen Suchdienst zur Erfüllung seiner Aufgabe zur Verfügung gestellt worden. Gehen heute Anfragen von Verwandten beim Internationalen Suchdienst ein, so kann auf diese Verzeichnisse zurückgegriffen werden. Liegen beim Internationalen Suchdienst keine Unterlagen vor, so wird bei den zuständigen Standesämtern nachgefragt. Die von Ihnen geäußerte Idee, alle Verzeichnisse bei den Standesämtern zu überprüfen und jeweils die Hinterbliebenen ausfindig zu machen, läßt sich in der Wirklichkeit kaum realisieren. Abgesehen von dem hohen Personal- und Kostenaufwand sind dabei insbesondere folgende Punkte zu bedenken:

    • In zahlreichen Fällen wurden die Hinterbliebenen durch den Internationalen Suchdienst oder durch andere Einrichtungen, z.B. Rote-Kreuz-Gesellschaften, bereits benachrichtigt.
    • Aus den Unterlagen der Standesämter dürfte nicht hervorgehen, in welchen Fällen Hinterbliebene bereits benachrichtigt wurden, vor allem dann, wenn die Verzeichnisse abgegeben wurden.
    • Wenn sich bis heute, 54 Jahre nach Kriegsende, niemand gemeldet hat, dürften in den meisten Fällen keine Hinterbliebenen mehr vorhanden sein.
    • Die Suche nach den Angehörigen ist äußerst aufwendig, vor allem bei Wohnortwechsel. In den meisten Ländern existiert kein Meldewesen wie in Deutschland.

    Es sollte daher bei dem bewährten Verfahren bleiben, daß der Internationale Suchdienst, der im übrigen immer noch jährlich rd. 270.000 Anfragen überwiegend ehemaliger Zwangsarbeiter erhält, auf Anfrage der Angehörigen tätig wird.

    Mit freundlichen Grüßen
    Im Auftrag

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April 2001